Leseprobe: Burning Wings (2) – Die Mächte von Annette Eickert

buchcover-burning-wings-2-kleinTitel: Burning Wings (2) – Die Mächte

Autorin: Annette Eickert

ca. 77 Seiten

All Age Fantasy, Mystery

als Taschenbuch und kindle-edition erhältlich

ASIN-Nr. B00EG5VPCM
ISBN-Nr. 978-1492153078

 

Klappentext:
Die Menschen denken seit Anbeginn, gute Taten bringen sie in den Himmel. Welchem Trugschluss sie doch unterliegen.
Damian erwacht an einem ihm fremden Ort. Der einzige Halt, den er jetzt hat, ist der Engel Eljakim. Mit ihm zusammen begibt er sich auf einen Pfad aus Lügen und Intrigen. Dabei erfährt er Dinge, die er niemals für möglich gehalten hätte.

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LESEPROBE

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Die ersten Sonnenstrahlen blinzelten vorwitzig durch das Fenster. Ihre Wärme kitzelte meine Nase. Seufzend öffnete ich die Augen, um sie gleich wieder zu schließen. Die halbe Nacht hatte ich hellwach in Eljakims Bett gelegen. Ich wollte nur noch schlafen, aber das schien ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Wie ein heftiger Sturm wirbelten die gestrigen Ereignisse immer wieder durch meinen Kopf und gönnten mir keine Ruhe. Schlimmer noch: Inzwischen fühlte sich mein Kopf an, als würde das aufgepeitschte Meer gegen meinen Verstand schlagen, um mich in der tobenden Gischt ständig mit neuen Fragen zu bombardieren. Dazu drehten sich meine Gedanken im Kreis. Und nach jeder weiteren Runde begann mein Kopf laut zu hämmern. Ich hatte Angst, irgendwann den Verstand zu verlieren. Noch mehr fürchtete ich die Antworten, die meine Fragen mit sich brachten.

Das untrügliche Gefühl, in einem nicht enden wollenden Albtraum gefangen zu sein, der seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht hatte, zerrte weiterhin an mir. Seltsamerweise tröstete mich dieser Gedanke jedoch mehr, als zu wissen, dass die Wirklichkeit mich in ihren Klauen hielt und so schnell nicht mehr losließ. Was war schrecklicher? Ein Albtraum oder eine verdrehte Realität, die mich an einen Traum erinnerte?

Zuerst wurde ich von dem Engel Oriphiel als Selbstmörder verurteilt, was unterm Strich bedeutete, ich durfte nicht mehr in den Kreislauf der Wiedergeburt zurückkehren. Eine der höchsten Strafen, die ein Engel über eine Seele verhängen konnte. Für mich hieß es, die Ewigkeit in der Himmelssphäre verbringen zu müssen, um vielleicht irgendwann die Möglichkeit zu erhalten, auf der Erde neu geboren zu werden. Nur leider wusste ich nicht, wann ein solcher Zeitpunkt kommen würde, und noch weniger, was ich tun musste, um diese Gnade erteilt zu bekommen. Als ich versuchte, diese Situation wohl oder übel zu akzeptieren, war Eljakim aufgetaucht. Eljakim, der perfekte Inbegriff eines Engels. Es lag weniger an dem, was ich in ihm sah, als vielmehr an dem, was er vor mir geheim hielt.

Perfektionismus schien eine herausragende Eigenschaft der Engel zu sein. Ein junger, gut aussehender Mann mit den richtigen körperlichen Proportionen und faszinierendem Charisma. Ihm gegenüber schien ich klein und unbedeutend, wie das kleine, hässliche Entlein in dem Kindermärchen. Schon meine einfache Kleidung hob mich von ihm ab, während er das perfekte Sinnbild eines edlen Prinzen darstellte.

Eljakim erklärte mir, er wäre mein künftiger Wächter. Eine Bezeichnung für den Führer einer verlorenen Seele wie mich. Aber anders als erwartet blieb ich nicht in Agnon – der Stadt der Arbeiter –, sondern Eljakim führte mich in die Hauptstadt Ephis.

Von diesem Moment an wurde es ziemlich verworren. Der Herrscherpalast entpuppte sich als ein Ort der Lügen und Intrigen, wie Eljakim ihn betitelte. Darüber hinaus war Eljakim nicht der, der er vorgab zu sein. Das war für mich der erste Schock am gestrigen Tag gewesen.

Abgesehen davon, hatte ich heimlich ein intimes Gespräch zwischen ihm und seinem Freund Uriel belauscht. Vieles, was ich darin erfuhr, hatte für mich keinen Sinn ergeben. Was ich jedoch nur kurz darauf in einem weiteren Gespräch zwischen Eljakim und der Geliebten des Herrschers der Himmelssphäre mit anhörte, gewährte mir eine ganz neue Sicht der Dinge.

Mittlerweile kannte ich Eljakims wahren Namen, den er mir verschwiegen hatte. Raphael wurde er genannt. Aber dieser Name war ihm aberkannt worden. Vor zwei Jahren hatte er an einer Palastverschwörung teilgenommen, war gefasst und eingekerkert worden. Als die Bedrohung vorüber war, hatte der Herrscher Metatron über ihn Gericht gehalten. Sein Urteil lautete, dass Eljakim seinen Titel Erzengel und seinen Namen ablegen musste. Seine Strafe bestand seitdem darin, Seelen von der Erde als Wächter zur Seite zu stehen. Eine undankbare Aufgabe in den Augen der Engel. Ich dagegen schätze mich glücklich, Eljakim dadurch besser kennenzulernen. Denn trotz seiner Verschwiegenheit fand ich ihn sehr interessant. In manchen Augenblicken kam er mir so vertraut vor, als wären wir schon immer Freunde gewesen, im nächsten war er so undurchschaubar wie eine Mauer.

Der zweite Schock des gestrigen Tages war die Offenbarung, dass Eljakim weiterhin nicht nach den Spielregeln des Herrschers Metatron spielte. Laut seiner eigenen Worten beugte er sich keinem Verräter; woraus in seinen Augen dieser Verrat jedoch bestand, darauf ging er nicht näher ein. Dass Eljakim sich mit seinem sturen Verhalten selbst in Gefahr brachte, ihn sogar bei Aufdeckung seiner heimlichen Intrigen die ewige Verbannung aus der Himmelssphäre erwartete, überging er mit stoischer Ignoranz. Er nannte es nur den unwiderrufbaren Fluch. Er wäre jederzeit bereit, die Strafe anzunehmen, wenn er nur Metatron damit auf seinen wahren Platz verwies.

Auf meine Frage, warum er sich den Verschwörern angeschlossen hatte und welche Rolle der Herrscher spielte, antwortete er mit Schweigen. Ebenso reagierte er nur mit Schulterzucken auf meine Neugier, was der Fluch wirklich für ihn bedeutete. Es wäre nicht die richtige Zeit und nicht der richtige Ort, um darüber zu reden, hatte er gesagt.

Kurzum, ich war kein bisschen schlauer als vorher, was mich ärgerte. Und weil Eljakim den restlichen Abend alleine in der Bibliothek verbracht hatte, hatte ich mich schmollend in sein Schlafzimmer zurückgezogen. Seitdem hatten wir uns nicht mehr gesehen und gesprochen.

Heute wollte ich mich nicht einfach mit Ausflüchten abspeisen lassen. Ich wollte Antworten und keine weiteren Geheimnisse mehr.

Schließlich hatte ich genug von der Grübelei. Je mehr ich darüber nachdachte, desto schlechter fühlte ich mich.

Ich hätte Eljakim nicht anschreien sollen.

Aber er hatte sich ausgeschwiegen, und das konnte ich nicht leiden.

Hellwach und aufgekratzt setzte ich mich auf. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie bequem Eljakims Bett eigentlich war. Das brachte mich sofort auf einen weiteren Gedanken. Bekam ich ein eigenes Bett, oder würden wir uns die kommenden Nächte seine Matratze teilen?

Plötzlich machte sich ein mulmiges Gefühl in meinem Bauch breit. Wenn dem wirklich so war, würde ich das Bett mit einem Mann teilen. Nicht, dass ich Eljakim irgendwelche anzüglichen Vorhaben andichtete, aber der Gedanke behagte mir nicht. Ich erinnerte mich noch gut an Auries Worte: »Willst du mir dein neues Spielzeug vorenthalten?«

Wie sollte ich diese Aussage verstehen? Bisher hatte er darüber ebenso geschwiegen wie über alles andere. Gerade als meine Phantasie sich auf Wanderschaft begab, öffnete sich die Tür zur Bibliothek. Ein blonder Haarschopf tauchte auf.

Einem Impuls folgend sagte ich: »Guten Morgen.«

Bereits im nächsten Moment hätte ich mich ohrfeigen können. Ich wollte schmollen und nicht so tun, als wäre vor ein paar Stunden gar nichts passiert.

Im Türrahmen stand Eljakim und lächelte mich auf seine faszinierende Art an. Ich dagegen riss erstaunt die Augen auf. Hätte ich nicht schon gesessen, wäre ich vermutlich ungebremst auf den Hintern geplumpst. Seine Überraschungen nahmen wohl niemals ein Ende. Und jede weitere übertraf die vorangegangene.

»Was hast du getan?«, flüsterte ich und blinzelte mehrmals. Vielleicht spielten mir meine Augen auch nur einen Streich.

Eljakims blonde Haare waren kürzer und sein hübsches Gesicht mit einer Schicht Ruß verschmiert. Einzig die smaragdfarbenen Augen leuchten so hell wie die Sonne. Gestern hatte ich ihn in seiner edlen Kleidung für einen Prinzen gehalten, heute sah er aus wie ein gewöhnlicher Kohlearbeiter. Er trug verdreckte braune Baumwollhosen, einfache Schuhe und eine legere, beigefarbene und ärmellose Baumwollweste. Die Weste war nicht zugeknöpft und gestattete mir einen neugierigen Blick auf sein atemberaubendes Tattoo. Und es war schlichtweg ein einmaliges und verführerisches Kunstwerk.

Vom Hals abwärts schlängelte sich eine schwarze Schlange seinen Oberarm hinab, wo sie auf seine Brust überging. Dort wand sie sich um ein schwarzes Schwert, welches sich mit einem zweiten kreuzte. An der Stelle, wo sich beide Klingen trafen, hatte der Künstler auf eine faszinierende Weise eine brennende Flamme eintätowiert, die auf den ersten Blick echt wirkte, genau wie die Schlange und die Schwerter. Damit endete aber das Körpergebilde nicht. Von der Flamme tropften über den Bauch kleine Blutstropfen nach unten, wo sie auf einen Kristall trafen, der hell erstrahlte. Allerdings konnte ich dieses letzte Detail mehr erahnen als sehen, denn es verschwand unter dem Hosenbund. Um nicht auf seine Körpermitte zu starren und mir pikante Gedanken zu machen, wanderte mein Blick wieder nach oben zu seinem perfekten Oberkörper. Der leicht bräunliche Touch seiner Haut, die ausgeprägten Bauchmuskeln und die durchtrainierten Oberarme erinnerten mich sofort an einen Schwertkämpfer. Es fehlte nur die passende Waffe in seiner Hand.

So einen Körper würde ich auch gerne besitzen. Aber dafür müsste ich sicherlich 100 Jahre oder mehr trainieren.

Seufzend holte ich Luft und stieß sie mit einem leisen Pfiff aus.

Verdammt, was machst du da? Du bist sauer auf ihn!, ermahnte ich mich und zwang mich, in sein Gesicht zu schauen. Du gaffst ihn an, als würdest du ihn anmachen wollen!

Überrascht über mein eigenes Verhalten, kniff ich mir in den Oberschenkel und ermahnte mich, damit aufzuhören. Ehrlich gesagt verstand ich selbst kaum, wieso ich immerzu so merkwürdig auf Eljakim reagierte. In einem Moment war er für mich wie ein Freund, im nächsten schämte ich mich für meine Gedanken, die eindeutig mit seiner körperlichen Anziehung zusammenhingen. Sekunden später verfluchte ich ihn und hätte ihm am liebsten die Nase gebrochen, weil ich ahnte, dass er mir wieder etwas verschwieg oder die Wahrheit nach seinem Gutdünken verdrehte, um es mir angeblich leichter zu machen. Irgendetwas stimmte nicht mit mir, oder lag es an Eljakim? Es war zum Haare raufen. Nur in einem Punkt war ich mir sicher: Sobald ich in der Nähe von Eljakim war, spielten meine Gefühle verrückt, auf die ein oder andere Weise. Wut und wachsende Faszination wechselten sich binnen weniger Momente ab und vollführten einen Spießrutenlauf, den ich selbst nicht begriff.

»Kannst du mir sagen, was du gemacht hast?« Ich strengte mich an, meine Verwirrung verärgert klingen zu lassen. Dabei schlug ich die Bettdecke zur Seite und stand auf. »Willst du dich mit deinem bäuerlichen Kleidungsstil aus Sympathie jetzt meinem anpassen? Oder einfach nur Bettler spielen?« Zur Unterstreichung, dass ich ihn nicht mit einer Ausrede davon kommen lassen würde … heute nicht …, verschränkte ich demonstrativ die Arme vor der Brust und funkelte ihn finster an. Außerdem schuldest du mir ein paar verdammt gute Antworten, fügte ich gedanklich hinzu.

Eljakim lächelte immer noch und kam auf mich zu. Einen Meter vor mir blieb er stehen und sah mir direkt in die Augen. Ich gab es nicht gerne zu, vor allem mir selbst gegenüber nicht, aber in diesen Augen konnte man sich verlieren. Sie strahlten eine so ungewöhnliche Reinheit und Kraft aus, dass es mir kalt über den Rücken lief.

»Es tut mir wirklich leid, Damian. Ich hatte nie vor, dich anzulügen. Obwohl ich genauer gesagt gar nicht gelogen habe.«

»Nein, natürlich nicht. Du hast nur die Wahrheit beschönigt.« Mein Ton war giftig.

»Damian. Bitte. Können wir nicht einfach von vorne anfangen?« Er klang flehend, aber auch aufrichtig. So ehrlich wie sein unschuldiger Blick.

Eigentlich hatte ich keine Lust auf eine weitere Diskussion und hätte beinahe »Ja« gesagt. Aber so einfach wollte ich es ihm dann doch nicht machen. Und ganz bestimmt nicht heute. Heute war der Tag der Wahrheit, das hatte ich mir geschworen. Und wenn ich ihn durch meine Sturheit und mein unkooperatives Verhalten dazu zwingen musste. Ich würde dieses Zimmer erst mit den richtigen Antworten verlassen.

»Einfach neu anfangen? Alles vergeben und vergessen? Das ist genau so ein blöder Spruch wie »Schatz, es ist nicht so, wie es aussieht.« Und nur Feiglinge entschuldigen sich. Ich erinnere dich gerne daran, dass du mir gestern auf dem Weg nach Ephis sagtest, ich sollte dir vertrauen. Ich frage dich, wie soll ich das machen?«

Eljakim seufzte. Sein Lächeln verwandelte sich in eine erste Miene. »Dann hör mich an. Ich erzähle dir, warum ich so gehandelt habe. Und ich erkläre dir, warum ich dich in den Palast brachte. Es war nicht richtig von mir, das sehe ich ein, aber ich wollte zuerst Sicherheit, bevor ich …«

»Sicherheit?«, unterbrach ich ihn schroff und bereute es augenblicklich.

Er ließ die Schultern hängen und wirkte geknickt. Damit stand für mich außer Frage, dass er tatsächlich nicht stolz auf sein Handeln war.

»Weißt du was«, lenkte ich versöhnlich ein, »du fängst einfach an zu erzählen. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach. Und nun will ich endlich diese verdammten Antworten.« Ich zwinkerte ihm zu, aber meine Arme blieben verschränkt.

Eljakim schien sich sofort besser zu fühlen. Er nickte und deutete zum Bett, auf das ich mich setzten sollte. Er selbst lief zum Fenster und sah hinaus. Ich folgte seiner Aufforderung und beobachtete ihn neugierig. Die Sonnenstrahlen beleuchteten sein Profil und hüllten ihn sanft in eine Wolke herumwirbelnder Staubkörnchen ein, die erst durch die Sonne sichtbar wurden. Dieser Anblick verlieh ihm eine noch anziehendere Aura.

»Egal ob du sie annimmst oder nicht, ich entschuldige mich trotzdem«, fing Eljakim an. Seine Augen blickten nach draußen zu dem großflächig angelegten Schlosspark. »Ich muss dir vieles erklären und weiß einfach nicht, wo und wie ich anfangen soll. Meinen richtigen Namen kennst du ja bereits. Und bis vor zwei Jahren war ich ein Erzengel. Inzwischen akzeptiere ich meine Strafe und habe mich in die Rolle des Sklaven gefügt.«

Es entstand eine Pause. Ich gab es ungern zu, aber Eljakim tat mir leid. Hätte ich es gekonnt, hätte ich die Zeit am liebsten zurückgedreht und ihn nie angeschrien, sondern versucht, meine Gefühle zu beherrschen. Aber genau darin bestand mein eigentliches Problem. Ich verlor sehr schnell die Beherrschung, gewollt oder ungewollt.

»Dann fang von vorne an. Erzähl mir, wieso du mich nach Ephis gebracht hast«, versuchte ich ihm auf die Sprünge zu helfen, sanfter als beabsichtigt. »Außerdem würde ich gerne erfahren, was ich hier arbeiten soll.«

Eljakim schluckte merklich und schaute mich einen flüchtigen Moment an, um gleich wieder aus dem Fenster zu sehen.

»In Ordnung. Ich bin gar nicht dein Wächter«, sagte er hastig. »Du darfst keinem davon erzählen. Bitte, unterbrich mich nicht, sonst kann ich es wahrscheinlich nicht mehr wiederholen. Hör mir einfach nur zu.« Mit offenem Mund starrte ich ihn, während er weitersprach. »Ja, du hast richtig gehört. Ich wurde dir niemals als Wächter zugeteilt. Und es war auch niemals meine Aufgabe, dich nach Ephis zu bringen. Es war ganz allein meine Entscheidung. Doch um dich hierher zu bringen, brauchte ich Hilfe. Er hat dich nach Ephis und in den Palast eingeladen. Du bist ihm schon einmal begegnet, Damian. Aber du musst mir schwören, niemand darf davon erfahren. Wenn das …«

»Moment! Halt! Stopp!«, unterbrach ich seine plötzliche Redseligkeit. »Willst du mir etwa sagen, du hast mich entführt?«

Der erste Schock war einer Mischung aus Unglauben, Ärger und einer unersättlichen Ungeduld gewichen. Noch wusste ich nicht, sollte ich toben oder ihn aus Neugier ausquetschen? Mein Puls raste, ich zitterte, und meine Kehle wurde trocken. Und vor allem war ich froh zu sitzen, denn ich spürte meine Knie weich werden.

»Wenn dir der Gedanke, entführt worden zu sein, besser gefällt, als dass ich versuche, dich vor jemanden zu verstecken, ja dann, dann habe ich dich entführt.« Eljakims Kopf ruckte in meine Richtung. Sein Gesicht zeigte den Hauch von Traurigkeit, aber auch einen Funken Stolz konnte ich in seinen glänzenden Augen erkennen.

»Verstecken? Vor wem? Mich kennt doch niemand.«

»Das denkst du. Nur so einfach ist das nicht.«

Konsterniert gab mein Unterkiefer der Schwerkraft nach. Das wurde ja immer besser. Schließlich rutschte ich nervös auf dem Bett hin und her.

»Dann sag mir auf der Stelle, was hier gespielt wird, sonst erlebst du mich, wenn ich richtig sauer werde. Und ich warne dich … keine Lügen

Eljakim nickte ergeben und lehnte sich gegen den Fensterrahmen. Die Arme verschränkte er lässig vor der Brust. Dann grinste er mich frech an.

»Jetzt hörst du dich ganz genauso an wie er.«

» Ich warte«, befahl ich ihm und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Wen er mit »Er« meinte, ignorierte ich.

»Schon gut. Keine Lügen. Versprochen.« Eljakim kam auf mich zu und setzte sich neben mich auf die Matratze. Er betrachtete seine Finger, die er sichtlich nervös knetete. Schließlich sprach er weiter. »Wie du inzwischen weißt, bist du ein Selbstmörder«, fing er an und senkte dabei seine Stimme. Gespannt erwartete ich den nächsten Schock. »Du bist aber nicht freiwillig in den Tod gegangen. Dich hat jemand dazu gebracht, es zu tun, und genau damit hat mein Plan begonnen. Du musstest es tun, damit ich dich aus dem Kreislauf der Wiedergeburt befreien konnte. Oriphiel half mir dabei. Danach mussten wir zuerst ganz sicher sein, dass du es auch wirklich bist. Erst als Oriphiel in deine Seele blickte, konnte er sagen, ob es funktioniert hat. Dort sah er dein wahres Ich. Wäre es nach ihm gegangen, wärst du in Agnon geblieben. Aber ich war von Anfang an dagegen. Also habe ich dich hierher gebracht. Das Risiko war und ist sehr hoch, dass dich irgendwann eine Wache in Agnon bemerkt und vielleicht noch mehr herausgefunden hätte. Das konnte ich nicht zulassen. Deshalb bin ich zu dir gekommen und habe dich nach Ephis gebracht … besser gesagt, in den Palast … der einzige Ort, wo er dich niemals vermuten würde. Und das ist der Grund, warum ich dir nicht die Wahrheit sagte und warum du jetzt bei mir bist.«

Allmählich begann ich seine Überraschungen zu hassen. Ehrlich gesagt wollte ich sie gar nicht mehr hören. Eine übertrumpfte die andere. Aber nun hatte er die sprichwörtliche Bombe zum Explodieren gebracht. Und gleichzeitig verstand ich gar nichts mehr.

Wer war Er?

Wer war Ich?

Wer suchte mich?

Wer hatte mich zum Selbstmord getrieben?

Fragen über Fragen überschlugen sich in meinem Kopf. Dann fiel mir plötzlich das belauschte Gespräch von gestern ein.

»Uriel, er ist hier. Dieses Mal bin ich mir ganz sicher … Keiner weiß irgendwas oder ahnt auch nur etwas. Ich habe ihn versteckt, wo ihn keiner vermutet.« Eljakim war ganz euphorisch gewesen.

»Sag mir, mein Freund: Woher willst du wissen, dass er es ist? Du kennst den Fluch und auch seine Auswirkungen. Zwei Jahre sind eine verdammt lange Zeit, beinahe eine Ewigkeit«, antwortete Uriel.

Hatten die beiden in jenem Moment von mir gesprochen?

Je mehr ich über die Worte nachdachte, desto mehr ergaben sie auf erschreckende Weise Sinn. Aber Eljakim wusste nicht, dass ich gelauscht hatte.

»Ich weiß es längst«, meinte er, obwohl ich nichts laut ausgesprochen hatte, und sah mir daraufhin direkt in die Augen. »Ich bin dir deswegen nicht böse.« Dann zwinkerte er mir zu.

Meine Miene war ein einziges großes Fragezeichen. Wieder hatte er es geschafft, ich war völlig konsterniert.

»Damian, ich habe dir noch etwas verschwiegen«, fuhr er fort, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Sein schlechtes Gewissen schien sich damit gleichzeitig in Luft aufzulösen. Er schien wieder der Eljakim zu sein, den ich kennengelernt hatte. Fröhlich und ohne Makel. »Kannst du dich noch erinnern, als ich dir sagte, wir Engel sind in verschiedene Positionen eingeteilt? Es ist unsere Bestimmung, unser Schicksal. Manche von uns, aber nicht alle, besitzen darüber hinaus noch besondere Fähigkeiten. Die Erzengel … und ich bin trotz Aberkennung meines Titels immer noch ein Erzengel … besitzen solch eine Fähigkeit: Ich kann Gedanken lesen.«

Ich kann Gedanken lesen, wiederholte ich stumm. Er kann Gedanken lesen. Na, wie praktisch. Dann weiß er immer, was ich …

»WAS?«, platzte es aus mir heraus, als mein Gehirn die ganze Tragweite seiner letzten Offenbarung verarbeitet hatte. »Du weißt, was ich denke? Du kannst meine Gedanken lesen? Du hast die ganze Zeit über gewusst, was ich denke? Du … du … das ist ein … Scherz. Stimmt’s?«

Plötzlich schämte ich mich. Er wusste, was ich dachte, was ich über ihn dachte. Schlimmer hätte es nicht kommen können. Diese Neuigkeit stellte sogar seine bisherigen Lügen weit in den Schatten. Mein Gesicht lief puterrot an. Panisch schaute ich mich im Schlafzimmer um und suchte verzweifelt das tiefste Loch, in das ich mich verkriechen konnte.

»Beruhige dich, Damian«, hörte ich ihn wie aus weiter Ferne. »Ich kann meine Fähigkeit kontrollieren. Ich setze sie nur gezielt ein. Außerdem muss ich mich sehr stark konzentrieren, wenn ich die Gedanken von jemandem lesen möchte. Und das funktioniert auch nur, wenn ich mich in der unmittelbaren Nähe dieser Person befinde. Solange die Person mich abschirmt, kann ich gar nichts tun.«

Ich schluckte einen größer werdenden Kloß herunter. »Das soll mich beruhigen?«, krächzte ich und versuchte, meine Stimme und meine Contenance wiederzugewinnen. Ersteres war nach einem Räuspern erfolgreich, Zweiteres scheiterte kläglich an meiner wachsenden Angst. Angst, er würde meine Gedanken und Gefühle kennen, bevor ich sie überhaupt wahrnahm. Und Angst davor, dass er mehr von mir wusste als ich von ihm. »Du weißt doch längst alles«, giftete ich ihn an und sprang vom Bett.

Zur Antwort lachte er fröhlich. »Du brauchst dich nicht zu fürchten. Ich wende meine Fähigkeit nur an, wenn ich glaube, mein Gegenüber lügt mich an. Oder wenn ich mir erhoffe, jemandem damit weiterzuhelfen.«

»Helfen?« Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Gleichzeitig versuchte ich, ihm nicht zu nahe zu kommen. »Du hast einen schlechten Humor. An der Pointe musst du unbedingt arbeiten. Warum hast du mir das nicht schon viel früher gesagt? Es ist schon ein heftiger Brocken, den du mir da hinwirfst. Aus heiterem Himmel erfahre ich einfach so, dass du in meine intimste Intimsphäre eindringen kannst. Und jetzt machst du dich über mich lustig. Ich bin für dich doch nur ein kleiner Idiot, der dir wie ein Fisch ins Netz gegangen ist.«

»Das stimmt nicht, Damian. Ich habe dir eben erklärt, dass ich mich dafür konzentrieren muss. Wenn jemand wütend ist oder verwirrt, dann ist es für mich leichter. Aber ich benutze meine Fähigkeit nicht ohne Grund. Das musst du mir glauben. Als wir gestern Abend stritten, hat mich dein Verstand genauso laut angeschrien wie du mich. Du hast mich ganz unbeabsichtigt an deinen Gedanken teilhaben lassen. Das war nicht einfach für mich.«

Nachdem er geendet hatte, machte er ein betretenes Gesicht und ließ die Schultern hängen. Er sah aus wie ein geprügelter Hund. Ich verfiel in Schweigen und dachte darüber nach, blieb aber auf der Hut. Er konnte trotz seiner beteuernden Worte jederzeit in meinen Kopf eindringen. Dieser Gedanke erzeugte bei mir eine Gänsehaut. Es lief mir zum zweiten Mal an diesem frühen Morgen eiskalt den Rücken herab. Um mich abzulenken, begann ich nervös vor dem Bett auf und ab zu tigern.

Immer noch schämte ich mich, obwohl er derjenige sein sollte. Andererseits hatte er mir seine Fähigkeit gestanden, anstatt weiterhin zu schweigen. Diesen Punkt rechnete ich ihm auf meiner imaginären Verzeihliste an, die aber noch recht kurz war. Dennoch hatte er nichts in meinen Gedanken zu suchen. Jetzt nicht und auch künftig nicht. Sie gehörten mir, mir ganz allein. Ich musste einen Weg finden, dass er das nicht mehr konnte.

»Damian?«, fragte er leise und unterbrach die Stille, die sich zwischen uns ausgebreitet hatte.

»Hmm …«

»Damian, ich kann dir beibringen, wie du deinen Verstand abschirmst.«

»Hmm …«, wiederholte ich und ignorierte geflissentlich, dass er genau auf meinen letzten Gedanken geantwortet hatte.

»Ich kann dir noch viel mehr beibringen, wenn du mich lässt. Auch du hast eine Fähigkeit. Sie schlummert in dir. Uriel hat mir versprochen, dir zu helfen, sie wiederzufinden. Und bitte hör auf zu schmollen.«

»Wer sagt denn, dass ich schmolle?«, brummte ich und blieb stehen.

»Du, wenn du es genau wissen willst.« Eljakim lächelte und stand auf. Langsam kam er auf mich zu, beide Arme hielt er seitlich nach oben, um mir zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Natürlich hatte er keine Waffe in der Hand, trotzdem verstand ich seine Geste. »Waffenstillstand?«

Seufzend musterte ich ihn, und verdammt nochmal, sein Grinsen war unheimlich ansteckend. Es wanderte ebenfalls auf meine Verzeihliste.

Ich gebe einfach viel zu schnell nach, ärgerte ich mich.

»Na gut«, sagte ich und zuckte mit den Schultern. »Es wird mir ja nichts anderes übrig bleiben. Dafür musst du schwören, niemals mehr meine Gedanken zu lesen. Und du musst mir beibringen, wie ich dich blockieren kann. Am besten heute noch.« Denn offenbar taten Uriel und Aurie genau das, sonst hätte er sicherlich anders auf beide reagiert.

Eljakim nickte.

»Dann fang bitte noch einmal von vorne an. Wer bin ich? Warum versteckst du mich? Und von welchem ER haben Uriel und Aurie die ganze Zeit gesprochen? Dieser ER, dessen Namen man nicht aussprechen darf.«

Kaum hatten die Worte meine Lippen verlassen, fühlte ich mich auf einmal sehr müde. Im gleichen Moment hatte ich den Eindruck, als wäre mir ein großer Stein vom Herzen gefallen. Ich wusste nicht Wieso und Warum, dafür war meine Wut endgültig verraucht. Sie hatte Platz für meine unersättliche Neugier gemacht.

»Auf diese Frage habe ich gewartet.« Eljakim bedeutete mir, auf dem Sessel Platz zu nehmen. Ich kam seiner Aufforderung nach, obwohl ich vor Aufregung ganz hibbelig war. »Ich erzähle es dir. Du wirst bald alles verstehen. Höre mir erst einmal nur zu, Seraphiel.«

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